Just Kids
1975 habe ich mir eine Schallplatte gekauft, nachdem ich in einem Partykeller von Freunden meiner Eltern bis zum Umfallen dazu getanzt hatte. Die Platte hiess “Horses“, und auf dem Cover war eine schmale, ernste Frau, die ein wenig wie ein trotziger Junge aussah. Da ich das Foto schön fand, bekam die Platte einen Ehrenplatz in meiner Sammlung, lehnte meist gut sichtbar am Anfang des Stapels, auch als ich sie schon nicht mehr griffbereit brauchte, einsetzbar in jedem Moment. Patti Smith hatte sich für dieses Album von ihrem Freund Robert Mapplethorpe porträtieren lassen, einem Künstler, dem sie Jahre zuvor in der New Yorker Untergrundszene begegnet war. Die Kellnerin/Kassiererin auf dem Weg zur grössten Rockpoetin der Siebzigerjahre und der schwule Maler und Fotograf, der mit seinen Schwarzweiss-Aufnahmen verstören und verzaubern wollte. Sie wurden ein Freundespaar, das sich gegenseitig in seiner Andersartigkeit unterstützte: Ihn rührte an ihrer Musik, was andere als blossen Krach missverstanden. Sie bewunderte die Poesie seiner offensiven Aktbilder. Patti Smith hat jetzt ein Buch vorgelegt, Reminiszenz an diese grossartige Ära, Liebeserklärung an eine Liebesbeziehung zwischen zwei Seelen, die auch mit dem Aids-Tod von Mapplethorpe 1989 nicht zu enden scheint. Nie habe ich New York so gespürt wie in diesem Buch: Man versteht plötzlich, wie der Mythos um diese Stadt entstanden ist. Den wir alle immer noch suchen, wenn wir zwischen Bowery und First Avenue, in Brooklyn oder Chelsea durch die Nacht ziehen.
Leseprobe “Just Kids”, Seite 236/237, doppelklicken Sie zur Lektüre


